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Interview mit Prof. Dr. Christine Wimbauer (09/2011)

Netzwerk FGF: Wann wussten Sie, dass Sie Professorin werden wollten?

Prof. Dr. Christine Wimbauer: Früh in meinem Leben. Viele Fragen trieben mich um: Warum sind manche Menschen reich und andere arm? Warum genießt Erwerbsarbeit hohe gesellschaftliche Anerkennung, Fürsorge- und Hausarbeit hingegen nicht? Warum sind die Lebensbedingungen und Lebenschancen der Menschen so ungleich? Wie ist angesichts dieser Ungleichheiten ein Zusammenleben möglich? Und: Wie ist Gesellschaft überhaupt möglich? Wissenschaft und Forschung boten Erklärungen, so wollte ich mehr Bücher lesen – und selbst Bücher schreiben.

Netzwerk FGF: Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit Ihrer Netzwerkprofessur "Soziale Ungleichheit und Geschlecht"?

Prof. Dr. Christine Wimbauer: Forschen und Lehren – und Bücher schreiben! – zu können eben zu diesen Fragen, die mich seit langem beschäftigen: Warum gibt es soziale Ungleichheiten, warum werden die Ungleichheiten größer, welche Folgen haben sie für die Einzelnen, für ihre sozialen Beziehungen und für die Gesellschaft? Warum kommt Erwerbsarbeit so große Bedeutung zu und wie verändert sie sich, etwa durch eine zunehmende Prekarisierung? In welchem Verhältnis stehen Arbeit und Liebe in Paarbeziehungen? Welche alten und neuen Ungleichheiten zeigen sich im Geschlechterverhältnis? Warum sind einige Themen der Geschlechterforschung seit Jahrzehnten die gleichen? Wohin entwickelt sich die Gesellschaft? Welche Kritikmöglichkeiten und -fähigkeiten besitzt die Soziologie? Und nicht zuletzt: Wie wollen wir arbeiten und leben?

Die Netzwerkprofessur an der Universität Duisburg-Essen bietet hierfür einen hervorragenden Arbeitszusammenhang: Ich freue mich, den state of the art meiner Arbeitsschwerpunkte an eine Vielzahl interessierter Studierenden zu vermitteln und mit ihnen zu diskutieren. Ebenso freue ich mich auf den wissenschaftlichen Austausch innerhalb des Netzwerkes Frauenforschung NRW, das mit seiner Dichte an Geschlechterforscher_innen einmalig in Deutschland ist.

Netzwerk FGF: Sie schließen aktuell das Projekt "Liebe, Arbeit, Anerkennung" ab - welches ist für Sie das wichtigste Forschungsergebnis?

Prof. Dr. Christine Wimbauer: Zum einen: Die meisten Menschen streben nach Anerkennung. Paarbeziehungen und soziale Nahbeziehungen sowie Erwerbsarbeit sind zentrale Quellen von Anerkennung. Nach wie vor aber wird Frauen, selbst hoch qualifizierten, Anerkennung in der Erwerbssphäre strukturell eingeschränkt. Ursachen hierfür liegen in arbeitsorganisationalen und sozialstaatlichen Bedingungen, die Frauen und v.a. Müttern berufliche Anerkennung erschweren.

Zum anderen: Das Streben nach beruflicher Anerkennung kann durchaus ‚Tücken‘ bergen, für Männer und für Frauen. Denn wenn Erwerbsarbeit zur einzigen gesellschaftlichen und individuellen Referenz wird, kann das Streben nach beruflicher Anerkennung selbst- und sozialdestruktiv werden: (Erwerbs-)Arbeit (z)ersetzt dann womöglich die Liebe.

Angesichts dessen und der Veränderungen der Arbeitswelt – immer mehr Arbeit für wenige, immer weniger Arbeit für viele – erscheint es als eine Herausforderung der Zukunft, uns Gedanken zu machen über das Verhältnis von Arbeit und Leben und über Alternativen zu Erwerbsarbeit als zentrale Anerkennungsreferenz.

Prof. Dr. Christine Wimbauer, Universität Duisburg-Essen

Professorin für Soziologie, Schwerpunkt Soziale Ungleichheit und Geschlecht

Prof. Dr. Christine Wimbauer wurde 1973 geboren. 1994 nahm sie das Studium der Soziologie mit den Nebenfächern Psychologie und Rechtswissenschaft an der LMU München auf und schloss dieses mit dem Diplom zum Thema  „Organisation, Geschlecht, Karriere" ab. 2003 promovierte sie in der Soziologie (LMU München) zum Thema „Die Liebe und das liebe Geld. Zur symbolischen Bedeutung von Geld in Paarbeziehungen“. 2011 habilitierte Christine Wimbauer an der Humboldt Universität zu Berlin in dem Thema „Von Ungleichheiten und den 'Tücken' der Anerkennung. Liebe und subjektivierte Arbeit in Doppelkarriere-Paaren". Seit Januar 2011 ist Prof. Dr. Christine Wimbauer Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Soziale Ungleichheit und Geschlecht am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen. Ein zentrales Forschungsprojekt handelt von Anerkennung und Ungleichheit in Doppelkarriere-Paaren.

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Prof. Dr. Christine Wimbauer
vormals Universität Duisburg-Essen
Institut für Soziologie
jetzt Humboldt-Universität Berlin