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Zwischen sozialer Verantwortung und ökonomischer Gesinnung. Vergleichende Untersuchung gesellschaftlicher Leitbilder und sozialer Verantwortung von Männern und Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft (Dissertationsprojekt)

Leitung

Dr. Annette von Alemann

Universität Bielefeld
Fakultät Soziologie

MitarbeiterIn(nen)

Kurzbeschreibung

Das Projekt untersucht die Frage nach geschlechtsspezifischen Unterschieden in Bezug auf gesellschaftliche Leitbilder und die Übernahme sozialer Verantwortung bei Männern und Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft. Geschlechtsunterschiede werden als Faktor angenommen, der in Interaktion mit anderen Faktoren steht (z.B. berufliche Position, Alter und soziale Herkunft, Organisationsform, Größe und Bedeutung des Unternehmens/Verbandes, Branche, Region, Eigentumsverhältnisse, Unternehmensstatus), um die Variabilität der Einschätzungen und Leitbilder von Führungskräften in der Wirtschaft zu erklären. Es werden folgende Zusammenhänge vermutet: 

1. Unterschiedliche Sozialisationserfahrungen, biologische Ausgangsbedingungen und tatsächliche oder wahrgenommene Lebenschancen von Männern und Frauen drücken sich in den gesellschaftlichen und politischen Leitbildern und der Wahrnehmung gesellschaftlicher Problemlagen, der eigenen Verantwortung und Rolle und des gesellschaftlichen Engagements von Führungskräften der Wirtschaft aus. 

2. Faktoren innerhalb der Organisation führen zu einer Angleichung von Geschlechtsunterschieden in Einstellungen und Verhalten von Führungskräften - bzw. möglicherweise zu einer Anpassung der Frauen an "männlich" dominierte Verhaltens- und Einstellungsmuster. Außerdem wird angenommen, dass die Gleichartigkeit der Aufgaben männlicher und weiblicher Führungskräfte (in denselben Organisationsbereichen) in Anlehnung an die Erfordernisse der Organisation und dem Bezug des Unternehmens zur Gesellschaft (geprägt durch Branche, Unterneh-mensgröße etc.) zu einer Angleichung der Einstellungen und Verhaltensweisen von männlichen und weiblichen Führungskräften führen. 

3. Geschlechtsunterschiede werden in solchen Bereichen vermutet, wo die Einstellungen und Verhaltensweisen direkt aus den "männlich" bzw. "weiblich" geprägten Lebenszusammenhängen entstehen, z.B. im Bereich der aktuell wahrgenommenen gesellschaftlichen Probleme oder des persönlich und privat wahrgenommenen gesellschaftlichen Engagements. Bei Sachfragen, die eng mit der Führungsposition und/oder dem Bezug des Unternehmens zur Gesellschaft zu tun haben (z.B. Einschätzungen der Ursachen von Arbeitslosigkeit, der Zuwanderungsproblematik; Aussagen zur Unter-nehmenskultur und zur sozialen Verantwortung des Unternehmens), werden weniger Unterschiede angenommen. Darüber hinaus wird vermutet, dass die Geschlechtsunterschiede bei Eigentümer(inne)n von Unternehmen größer ausgeprägt sind als bei Topmanager(inne)n, da sich angestellte Manager(innen) an Organisationskulturen anpassen müssen, die sie größ-tenteils nicht selbst gestaltet haben, während Eigentümer(inne)n die Unternehmenskulturen selbst mitprägen können. 

4. Der soziale Kontext (soziale Herkunft) und der Unternehmenskontext (Unternehmensgröße, Branche, Standort etc.) führen zu Übereinstimmungen in den Aussagen der Führungskräfte, die über die Geschlechtsunterschiede hinausgehen können. So wird angenommen, dass sich die Einschätzungen und Leitbilder von Eigentümerinnen mittelständischer Unternehmen grundsätzlich stärker von denen ihrer Kolleginnen aus dem Management von Großunternehmen oder Verbänden als von denen männlicher Eigentümer mittelständischer Unternehmen unterscheiden. 

5. Es wird angenommen, dass sich Geschlechtsunterschiede in der Art und Weise zeigen lassen, wie die Einschätzungen und Verhaltensweisen sprachlich ausgedrückt bzw. dargestellt werden. 

Vorgehensweise 

1. Strukturierende Inhaltsanalyse Die Geschlechtsunterschiede werden in Form einer vergleichenden Inhaltsanalyse von bereits vorliegendem transkribiertem Interviewmaterial untersucht. Es soll zunächst eine strukturierende Auswertung nach Mayring (1996) vorgenommen werden, um inhaltliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu relevanten im Leitfaden abgefragten Themen zu untersuchen. Diese Themen sind: Persönliches soziales Engagement, Vorbilder, persönliche Bedeutung des Berufs Manager(in)/Unternehmer(in), beruflicher Werdegang; gesellschaftliches Engagement des Unternehmens am Standort, regional, überregional und für die eigenen Mitarbeiter, Institutionalisierung des sozialen Engagements in Unterneh-menspolitik und -kultur sowie die persönliche Einschätzungen aktueller Themen bzw. Probleme in Deutschland in den Bereichen Arbeitslosigkeit, Zuwanderung, soziale Ungleichheit und Ungleichheit der Geschlechter, Globalisierung, öffentliche Sicherheit und Ordnung, Repräsentation der Wirtschaft in den Medien und die Debatte um die Gehälter von Topmana-gern. Diese Inhaltsanalyse wird mit Hilfe des Computerprogramms MAXqda erfolgen. Um der Gefahr vorzubeugen, dass eigene Geschlechtsbilder die Auswertung beeinflussen, wird eine von Carol Hagemann-White vorgeschlagene Strategie gewählt. Hierbei werden im Material zunächst die Unterschiede zwischen den Geschlechtern gesucht. In einem zweiten Durchgang werden die Interviews so ausgewertet, als ob keine Geschlechtsunterschiede vorliegen würden. 

2. Metaphernanalyse In einer weiteren Auswertungsstufe soll untersucht werden, ob sich im Hinblick auf die Sprache der untersuchten Führungskräfte Geschlechtsunterschiede zeigen lassen. Dies wird als Ergänzung der inhaltlichen Auswertung und als Überprüfung von Argumentationsstrukturen im Hinblick auf ihre sprachliche Darstellung verstanden. Als Methode wird die Metaphernanalyse gewählt (vgl. Schmitt 1997). Diese rekon-struiert mit Hilfe von Sprachbildern "deutungs- und handlungsgenerierende Tiefenstrukturen" (Schmitt 1997) und untersucht damit sprachliche und kulturelle Grundmuster der Befra-gungspersonen. Damit ist die Annahme verbunden, dass sich vorbewusste und nicht-sprachlich verfasste Denkmuster in Form von Sprachbildern in den Äußerungen von Personen niederschlagen. Bei der Metaphernanalyse nach Schmitt wird zunächst ein Lexikon möglicher Metaphernfelder zu einem Thema angelegt, sodann werden die für die Auswertung aus-gewählten, typischen Interviewtexte auf Metaphernfelder hin analysiert; es wird dann ein Lexikon der tatsächlich verwendeten Sprachbilder der Führungskräfte angelegt, und diese Metaphern werden interpretiert. In einem dritten Schritt werden individuelle im Vergleich mit kollektiven Sprachbildern aus dem metaphorischen Material rekonstruiert. 

3. Triangulation In einer dritten Auswertungsstufe werden die Ergebnisse beider Methoden zusammengeführt. In Verbindung mit der Untersuchung der subjektiven bildgesteuerten Reflexions- und Wahrnehmungsmodelle der Führungskräfte durch die Metaphernanalyse erlaubt die strukturierende Inhaltsanalyse nach Mayring die Benennung bewusster Argumentationsmuster und Konflikte der Führungskräfte sowie die Herausarbeitung von angesprochenen Themenfeldern in den Einschätzungen gesellschaftlicher Problemlagen und konkret berichtete Handlun-gen und Unterlassungen. Die Stärken beider Methoden werden hier miteinander verbunden und ihre Ergebnisse in der Triangulation (zur Methode vgl. Denzin 1970; Flick 2004) zusammengeführt und diskutiert.

Kategorie(n):
Arbeit/Ökonomie

Laufzeit:
01.09.2005 - 01.08.2007