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Interview mit Prof. Dr. Katja Sabisch (10/17)

Netzwerk FGF: Liebe Frau Sabisch, Sie wurden zur nächsten Sprecherin des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW gewählt. Dazu unseren herzlichsten Glückwunsch!
Was verbinden Sie mit Ihrer neuen Aufgabe als Sprecherin des Netzwerks? Worauf freuen Sie sich dabei besonders?

Prof. Dr. Katja Sabisch: Besonders freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit den Kolleg_innen der unterschiedlichen Disziplinen. Ich selbst bin zwar von Haus aus Soziologin, habe aber lange Zeit in kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen geforscht. Gerade angesichts der neuen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen erscheint es mir wichtig, aus unterschiedlichen Perspektiven heraus zu argumentieren. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Antifeminismus bzw. Antigenderismus: Hier sollten wir mit historischen, medienwissenschaftlichen und soziologischen Ansätzen arbeiten. Denn Antifeminismus als frauenverachtende Ideologie existiert seit dem 19. Jahrhundert, wird aber gegenwärtig ergänzt durch einen rechtspopulistischen Antigenderismus, welcher vor allem den Begriff Gender bzw. die Gender Studies zu diffamieren versucht - und dies vor allem in den neuen Medien, was auch neue Formen von Diskriminierung und Gewalt mit sich bringt.

Netzwerk FGF: Sie sind Professorin für Gender Studies und Direktorin des Studienganges Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum. Wozu forschen Sie aktuell? Und wie würden Sie das "Zusammenspiel" zwischen Forschung und Lehre beschreiben?

Prof. Dr. Katja Sabisch: Am Lehrstuhl forschen wir in der Regel eher anwendungsorientiert. Gerade haben wir zwei Projekte erfolgreich abgeschlossen: Zum einen das UAR-Projekt "Väter in Elternzeit", in dessen Rahmen wir Interviews mit Paaren geführt haben, um Aufschluss über die Entscheidungsprozesse zu bekommen: Wie wird Carearbeit bewertet, wie wird sie aufgeteilt? Führen Vätermonate zu einer Veränderung der familialen Geschlechterordnung? Zum anderen haben wir für das Land NRW die gesundheitliche Versorgung von zwischengeschlechtlich geborenen Kindern untersucht. Auch hier liegt noch einiges im Argen, da die Alltagssorgen von den betroffenen Eltern keinen Platz im Krankenhaussetting haben. Dabei sind es gerade Fragen wie: Welcher Name? Welches Spielzeug? Was sag ich den Nachbarn?, bei denen die Eltern Unterstützung benötigen. Neben diesen drittmittelgeförderten Projekten versuchen wir am Lehrstuhl, das didaktische Konzept des "Forschenden Lernens" zu verwirklichen. Das heißt, dass wir gemeinsam mit Studierenden und externen Partnern ausgewählte Themen bearbeiten - so zum Beispiel das Projekt "Wissenschaft und Politik gehen Hand in Hand", in dessen Rahmen wir gemeinsam mit dem Frauenbeirat der Stadt Bochum die kommunale Gleichstellungspolitik untersucht haben. Besonders gerne kooperiere ich im Bereich Fußball. Ich bin selbst großer Fußballfan und freue mich, dass meine Leidenschaft hier im Ruhrgebiet oft geteilt wird. Diesbezüglich bestehen seit einigen Jahren enge Verbindungen zum VfL Bochum, aber auch zu dem angeschlossenen Fanprojekt. Wir forschen zu Sexismus im Stadion, zu Homophobie oder auch zu Männlichkeiten und Gewalt. Schön ist, dass wir dabei auch hin und wieder ins Stadion gehen.

Netzwerk FGF: Vor welchen Herausforderungen sehen Sie die Gender Studies und das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW? Welchen Beitrag möchten Sie als Professorin und neue Sprecherin leisten, um diesen Herausforderungen zu begegnen?

Prof. Dr. Katja Sabisch: Als Herausforderung sehe ich die rechtspopulistischen Angriffe auf unsere Forschung. Hier gibt es zwar eine Vielzahl an gewinnbringenden Initiativen, die jedoch in der Regel reaktiv sind. Dagegen schwebt mir ein gezieltes Agendasetting vor. Die nordrhein-westfälische Geschlechterforschung ist nicht nur wissenschaftlich exzellent, sondern überzeugt vor allem durch ihre Kreativität und Vielfältigkeit. Seien es Forschungen zur sozialen Ungleichheit, zu Gewalt, zu Familie, zu Kunst oder Kultur - ich bin überzeugt, dass wir mit unserer Expertise und dank unserer Vernetzung Themen (be)setzen können. Meine Aufgabe als Sprecherin sehe ich deshalb vor allem darin, die einzelnen Wissenschaftler_innen miteinander ins Gespräch zu bringen. Besonders zentral ist dabei der Einbezug von Promovierenden. Denn Interdisziplinarität allein genügt nicht immer. Wir lernen und verstehen besser, wenn wir intergenerational forschen.

Prof. Dr. Katja Sabisch

Professur für Gender Studies

Prof. Dr. Katja Sabisch studierte Diplom-Soziologie an der Universität Bielefeld u. a. mit dem Schwerpunkt Geschlechtersoziologie. Sie promovierte 2006/2007 an der International Graduate School in Sociology (IGSS), Universität Bielefeld.

Zu ihren beruflichen Stationen gehörten unter anderem die wissenschaftliche Mitarbeit an verschiedenen Projekten der Wissenschafts- und Technikforschung sowie eine Juniorprofessur für Gender Studies an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2008 ist sie zudem Geschäftsführende Direktorin des interdisziplinären Master-Studiengangs „Gender Studies – Kultur, Kommunikation, Gesellschaft“ und des internationalen Master-Studiengangs „Joint Degree Gender Studies“.

Seit Februar 2015 besetzt sie die Professur für Gender Studies an der Fakultät für Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

Infos zur Person | Zur Professur für Gender Studies an der RUB

Kontakt

Prof. Dr. Katja Sabisch
Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Sozialwissenschaft
Professur für Gender Studies
44801 Bochum
katja.sabisch[at]rub.de

Website an der Ruhr-Universität Bochum