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Interview mit Prof. Dr. Diana Lengersdorf (09/16)

Netzwerk FGF: In der Denomination Ihrer Professur sind mit Geschlecht und Technik zwei Themenfelder verbunden, die intuitiv eher nicht zusammengedacht werden. Welche Potenziale ergeben sich aus der Kombination dieser beiden Felder und was macht den besonderen Reiz daran aus?

Prof. Dr. Diana Lengersdorf: Überraschende Frage! – Die Verbindung von Geschlecht und Technik ist für mich mittlerweile so selbstverständlich. Wir können in diesem Forschungsfeld glücklicherweise auf eine Tradition zurückgreifen, die bis in die Phase der Entstehung der Frauen- und Geschlechterforschung zurückreicht. Das Netzwerk hat auch einige dieser Pionierinnen verbunden, man denke nur an Doris Janshens und Hedwig Rudolphs Studie zu Ingenieurinnen aus den 1980er Jahren oder auch das EU-Großprojekt zu Frauen in der Technikforschung, das Felizitas Sagebiel Anfang der 2000er leitete. Jüngst dann die diskursanalytische Arbeit von Tanja Paulitz zur Bedeutung von Männlichkeit in der Entstehung der Ingenieurwissenschaften.

Mein Interesse richtet sich zunehmend auf die materiellen Dimensionen des Sozialen, also die vielfältigen Konstellationen, die sich aus den Verbindungen von dem, was wir als „das Soziale“ begreifen, und „dem Technischen“ ergeben. Das hilft mir vor allem, „den Menschen“ nicht zu ernst zu nehmen – für Soziologinnen ein schweres Unterfangen. Spannend ist dann die Frage, was vom Menschen bedeutungsvoll für das zu untersuchende Phänomen wird: Sind es Körperteile (z. B. Haare) oder Substanzen (z. B. Spermien) oder Sinne (z. B. das Sehen) oder, oder? So kann ich auch auf bereits gut untersuchte Felder noch einmal ganz neu blicken.

Netzwerk FGF: Sie begleiten seit 2013 die Entwicklung der ‚Gender Studies in Köln‘ (GeStiK). Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt, welche „Baustellen“ sehen Sie aktuell und welche Ziele für die Zukunft verbinden Sie mit GeStiK?

Prof. Dr. Diana Lengersdorf: Ja, seit 2013 bin ich Teil von GeStiK. GeStiK ist für mich vor allem ein grandioser Ort – oder Raum –, an dem Geschlechterforschung in all ihrer Vielfalt zusammenkommt. Ohne pathetisch klingen zu wollen: Da wird man demütig. Wenn Sie das Verständnis von Geschlecht einer Medizinerin und einer Kulturwissenschaftlerin aufeinanderprallen sehen und dann noch die Juristin dazu kommt, gibt es viel Reibung und Irritation. Diese Irritationen auszuhalten und anerkennend verschiedene Perspektiven gleichermaßen ernst zu nehmen, dafür stehen GeStiK und das GeStiK-Team um Susanne Völker und Dirk Schulz. Die wachsende Zahl Kolleg_innen, die teilnehmen und sich engagieren, zeigt, dass dieser Weg auch an einer Traditionsuni wie Köln funktioniert. Das hilft uns gerade auch im Akkreditierungsprozess für den Masterstudiengang „Gender und Queer Studies“ sehr, den wir gemeinsam mit den Kolleg_innen der Technischen Hochschule Köln sowie in Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule Köln und der Hochschule für Musik und Tanz Köln auf den Weg bringen. Ohne das Engagement Vieler wäre dieses Großprojekt gar nicht möglich.

Für die Zukunft sehe ich GeStiK in zwei Bewegungen: zum einen als Anziehungspunkt von Forschung, als Forschungszentrum, an dem sich verschiedene Forschungsprojekte andocken und neue große Verbundprojekte entstehen; zum anderen in der Fortführung der begonnenen Ausdehnung in den Kölner Raum hinein – eine durchaus auch politische Ausdehnung. Schon jetzt gibt es viele spannende Kontakte und Projekte mit sozialen Bewegungen, mit Kunstaktivist_innen, mit Beratungszentren. Aber das sind meine Ideen. GeStiK ist ja institutionell breit verankert, hat beratende und zukunftsweisende Gremien – und Ressourcen, die nicht unendlich dehnbar sind, um im Bild zu bleiben.

Netzwerk FGF: Ein Forschungsschwerpunkt Ihrer Arbeit ist die Männlichkeitsforschung. Aktuell haben Sie ein neues DFG-Projekt zur „Neujustierung von Männlichkeiten“ eingeworben. Was verbirgt sich hinter dem Begriff der Neujustierung – welche Fragen stehen im Zentrum Ihres Forschungsinteresses?

Prof. Dr. Diana Lengersdorf: Als wir die Bewilligung der DFG erhielten, war die Freude im Team sehr groß. Das Projekt leite ich zusammen mit Michael Meuser von der TU Dortmund. Wir arbeiten schon lange gemeinsam in diesem Themenfeld und können es jetzt kaum erwarten, mit der Untersuchung zu beginnen. Mit Diana Baumgarten und Tanja Jecht haben wir zwei tolle Kolleginnen gewinnen können, die mit ihren eigenen Perspektiven auf unsere Forschungsfrage eine echte Bereicherung sind. Aber jetzt zur Frage der „Neujustierung“: Damit ist unsere forschungsleitende These gut auf den Punkt gebracht. Wir gehen davon aus, dass der gegenwärtig beobachtbare Wandel von Erwerbsarbeit eng mit dem Wandel von Männlichkeiten verbunden ist. Beispielsweise ist die Idee eines Normalarbeitsverhältnisses mit 8-Stunden-Takt, dem tariflich gesicherten Lohn, einer unbefristeten Vertragslaufzeit usw. nicht ohne die Vorstellung zu denken, dass damit zugleich eine Familie zu sichern ist. Richtig, wenn Sie jetzt an den männlichen Haupternährer denken. Ein verbindendes Moment ist dabei hegemoniale Männlichkeit, die man als einen Kristallisationspunkt von all dem verstehen kann, wozu wir „der Mann“ sagen – ein Konsens darüber, was ein erfolgreiches Mannsein ausmacht. Es ist dieser Kristallisationspunkt, der nun diffus wird, er verliert seine Anziehungskraft, weil sich Kernelemente dessen, was hegemoniale Männlichkeit bis dato ausmachte, – und das war z. B. die privilegierte Teilhabe am Normalarbeitsverhältnis –stark verändern. Darüber ist sich die Männlichkeitenforschung einig, aber die Richtung, die diese Entwicklung nehmen wird, ist noch unklar. Wir gehen davon aus, dass keine revolutionären Umbrüche zu erwarten sind und auch kein gänzliches Auflösen, sondern dass sich „Männlichkeit“ neu aufstellt, sich neu ausrichtet, sich flexibel und geschmeidig macht, um auf diese neuen Herausforderungen zu reagieren. Aber es ist nur eine erste These und die Empirie wird uns zeigen, ob wir richtig liegen.

Prof. Dr. Diana Lengersdorf

Juniorprofessur für Geschlecht, Technik und Organisation

Prof. Dr. Diana Lengersdorf studierte Soziologie, Psychologie und Volkswirtschaftslehre an der RWTH Aachen und promovierte 2011 an der Fakultät für Erziehungswissenschaft und Soziologie der TU Dortmund.

Zu ihren berufliche Stationen gehörten unter anderem eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Essener Kolleg für Geschlechterforschung und am Institut für Soziologie der TU Dortmund im Lehr- und Forschungsbereich „Soziologie der Geschlechterverhältnisse” bei Prof. Dr. Michael Meuser. Darüber hinaus war sie Projektmanagerin in der more sales GmbH und bei inity — agentur für neue medien GmbH.

Seit 2013 hat sie die Juniorprofessur für Geschlecht, Technik und Organisation an der Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät & GeStiK (Gender Studies in Köln), inne.

Infos zur Person | Zur Juniorprofessur Geschlecht, Technik und Organisation | Zu GeStiK

Kontakt

Prof. Dr. Diana Lengersdorf
Universität zu Köln
Humanwissenschaftliche Fakultät
Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften
Zentrale Einrichtung ‚Gender Studies in Köln’ (GeStiK)
Gronewaldstraße 906
50931 Köln
diana.lengersdorf[at]uni-koeln.de
Website an der Universität zu Köln