Nachgefragt – Interview mit Prof.'in Dr. Gabriele Dennert und Alva Träbert (10/2017)

Netzwerk FGF: Liebe Frau Dennert, Sie haben als Professorin für „Sozialmedizin und Public Health mit Schwerpunkt Geschlecht und Diversität“ das Netzwerk* Sexuelle und geschlechtliche Diversität in Gesundheitsforschung und -versorgung mitinitiiert. Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Netzwerk mit zu gründen, und welche Ziele verbinden Sie damit?

Prof.’in Dr. Gabriele Dennert: Die Idee zum Netzwerk* ist in der Zusammenarbeit mit Regina Brunnett (Hochschule Ludwigshafen am Rhein) entstanden. Wir lernten uns anlässlich eines von ihr initiierten Panels zur Gesundheit von LSBQTI* auf dem Public Health-Kongress „Armut und Gesundheit“ 2016 in Berlin kennen. Unser Anliegen war es, die Zusammenarbeit und den Austausch unter denjenigen zu verbessern, die sich mit sexueller und geschlechtlicher Diversität und Gesundheit in Deutschland befassen. Und so beschlossen wir, das Netzwerk* auf den Weg zu bringen.
Die Gründungssitzung fand im Februar 2017 mit über 40 Personen im Vorfeld einer Fachtagung zur Gesundheitsförderung für lesbische, bisexuelle und queere Frauen* an der Fachhochschule Dortmund statt. Vor kurzem hat das Netzwerk* Melanie Böckmann, Leonie Dieck, Ulrik_e Lahn und mich in die Koordinierungsgruppe gewählt. Und seit dem Sommer 2017 ist das Netzwerk* als Arbeitsgruppe an den Fachbereich „Frauen- und geschlechtsspezifische Gesundheitsforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) angebunden.

Das Netzwerk* arbeitet interdisziplinär und bringt Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen und mit unterschiedlichen Perspektiven auf sexuelle und geschlechtliche Diversität zusammen. Aktuell sind bereits über 100 Interessierte aus dem deutschsprachigen In- und Ausland dabei. Die Spannbreite reicht dabei von engagierten Einzelpersonen über wissenschaftliche Tätige bis zu Fachkräften aus der Gesundheitsversorgung und aus LSBQTI*-Community-Einrichtungen.

In der Einladung zur Netzwerk*-Gründung haben wir zwei Ziele in den Vordergrund gestellt: Zum einen setzt sich das Netzwerk* dafür ein, die gesundheitlichen Anliegen von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten zu stärken. Das betrifft Gesundheitsförderung in der Gesellschaft im weiteren Sinne, aber auch konkret die Gesundheitsversorgung und gesundheitsbezogene Forschung. Zum anderen sehen wir in diversitätsorientierten Ansätzen im Gesundheitsbereich theoretisch wie praktisch ein erhebliches Potenzial, Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Geschlecht besser zu verstehen. In der Forschung gilt es hier, Methoden und Methodologien jenseits binärer Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität weiterzuentwickeln. Viel zu oft wird unter geschlechtersensibler Forschung in Bezug auf Gesundheit immer noch verstanden, dass Menschen in „Männer“ und „Frauen“ eingeteilt werden, um beide Gruppen miteinander zu „vergleichen“, wobei selbstredend vor allem Geschlechterdifferenzen interessieren. Hier ist theoretisch wie methodisch sicher noch Luft nach oben. Eine Veränderung ist hier auch deswegen so bedeutsam, weil diese Art von Forschung Erkenntnisse generieren soll, die dann ganz praktische Auswirkungen auf Ansätze in der medizinischen Versorgung, Prävention und Gesundheitsförderung haben.

Wie das Bundesverfassungsgericht jetzt sehr aktuell festgestellt hat, gibt es mehr als zwei Geschlechter. Wir sehen nicht nur den Gesetzgeber in der Pflicht, das Personenstandsrecht zu modernisieren, sondern wünschen uns weitergehende Konsequenzen auch in der Gesundheitsversorgung. Ich gehe davon aus, dass mir viele im Netzwerk* zustimmen werden, dass der Abschied vom binären Denken ein längeres Projekt sein wird. Meine persönliche Erfahrung und Überzeugung ist es, dass ein intensiverer Austausch zwischen Medizin und Biowissenschaften und Geschlechterforschung, Queer und Intersectionality Studies dabei sehr produktiv sein kann – intensiver, als wir ihn heute bereits haben.

Das Netzwerk* ist nun dabei, sich strukturell zu verstetigen und diese Diskussionen anzugehen und weiterzuführen: Was sollen die Kernziele und Kernthemen der gemeinsamen Zusammenarbeit sein? Auf welche praktischen und theoretischen Grundlagen können und möchten wir uns verständigen? Wohin soll die Reise in den nächsten Jahren gehen?

Beim nächsten öffentlichen Arbeitstreffen im März 2018, das wieder an der FH Dortmund stattfinden wird, werden das die wichtigsten Fragen für den gemeinsamen Austausch sein.

Netzwerk FGF: In welcher Situation befinden sich lesbische, schwule, bisexuelle, queere transgender und intersexuelle Menschen in Bezug auf Gesundheit und soziale Teilhabe?

Prof.’in Dr. Gabriele Dennert: Das ist eine sehr umfassende Frage, die sich nur schwer kurz und gleichzeitig differenziert beantworten lässt. Sexuelle und geschlechtliche Minderheiten sind keine einheitliche soziale Gruppe mit homogenen Erfahrungen. Auch wenn alle in die gesellschaftlichen Strukturen von Marginalisierung, Nicht-Akzeptanz, sozialen Ungleichheiten und Diskriminierungen eingebunden sind, so können die daraus resultierenden Erfahrungen doch individuell sehr unterschiedliche Formen annehmen und auch sehr verschiedene Konsequenzen haben.

Es geht um die „Innen-Perspektive“ einer Person, die neben vielen anderen sozialen Zugehörigkeiten auch L, S, B, Q, T oder I lebt oder ist. In Bezug auf die eigene gesundheitliche und soziale Situation verschränken sich dabei die Zughörigkeit zu einer sexuell oder geschlechtlich marginalisierten (oder auch privilegierten) Gruppe grundsätzlich mit allen Erfahrungen, die ich als z. B. weiße Frau* oder Frau* of color oder Inter* mit oder ohne Behinderung und mit oder ohne ausreichend Geld in dieser Gesellschaft mache. Aus dieser Binnensicht liegen etliche Berichte von LSBQTI*-Personen vor, welche Zusammenhänge sie zwischen ihrer Lebensweise, Identität und/oder Körperlichkeit und gesundheitsbezogenen Erfahrungen sehen. Oder eben auch nicht sehen. Dies sind zum einen Berichte über Ungleichheits-, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen und deren Folgen und zum anderen Berichte über ihre LSBQTI*-Lebensweisen als Quelle von Stärke, sozialer Unterstützung und Selbstermächtigung in Bezug auf Gesundheit und soziale Teilhabe.

Die Gesundheitsversorgung ist immer noch viel zu oft ein Ort der Unsicherheit für LSBQTI*-Personen. Für einige war und ist es auch ein Ort gravierender Ein- und Übergriffe mit schwerwiegenden und langfristigen Folgen, weil ihre Körper, ihre sexuellen Lebensweisen, ihre geschlechtliche Performanz oder Identität pathologisiert oder auch einfach nicht mitgedacht wurden und werden.

Ein bedarfsgerechter, verschiedene Körperlichkeiten akzeptierender und diskriminierungsfreier Zugang sollte jedoch nicht nur ein grundlegendes Recht für alle darstellen, sondern wirkt individuell tatsächlich als eine starke Ressource für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung.

Für mich ist es immer wieder sehr erstaunlich, den Kontrast zwischen der Vielzahl an persönlichen Geschichten, die LSBQTI*-Personen zu diesen Fragen erzählen können, und der Haltung von „Nicht-Eingeweihten“ oder auch gezielt ignoranten Menschen zu erleben, die im Brustton der Überzeugung vertreten, dass „das“ doch heute alles kein „Problem“ mehr sei. Hier scheint mir – in der allgemeinen Öffentlichkeit, in Fachkreisen und teilweise auch in Community-Kreisen – ein Informationsdefizit vorzuliegen. Und es verweist darauf, dass Akzeptanz von Diversität – auch geschlechtlicher, körperlicher und sexueller Diversität – strukturell noch zu wenig in dieser Gesellschaft verankert ist.

Netzwerk FGF: Im Rahmen Ihres Forschungsschwerpunkts ist die Idee für ein Online-Wissensportal entstanden. Liebe Frau Träbert, an wen richtet sich das Portal LSBTI²? Welche Ziele verbinden sich mit diesem Portal und worin sehen Sie seinen Auftrag? 

Alva Träbert: Das Wissensportal LSBTI² bündelt Veröffentlichungen zum Thema soziale Teilhabe und Gesundheit von LSBTI-Personen in verschiedenen Formaten, um sie einer Reihe verschiedener Zielgruppen zugänglich zu machen.

In einem Repositorium werden Metadaten und Abstracts zu thematisch relevanten Veröffentlichungen mit Bezug auf Deutschland gebündelt. Zudem bietet das Portal Absolvent*innen die Möglichkeit, ihre Qualifikationsarbeiten im Themenfeld im Volltext zur Verfügung zu stellen. Eine erste Literaturrecherche zu LSBTI-Gesundheitsthemen in Deutschland wird dadurch vereinfacht, um z.B. Fragestellungen für Qualifikationsarbeiten oder Forschungsprojekte zu erarbeiten.

Eine Übersicht von Webseiten verschiedener Organisationen und Archive, die forschungsrelevantes Material veröffentlichen oder verwalten, soll es Nutzer*innen erleichtern, Volltexte, nicht digital erfasstes Material sowie Kontakt zu Expert*innen zu finden.

Als dritten Baustein enthält das Wissensportal ein Videoportal. Aktuell bereiten wir hierfür die Vorträge unserer Fachtagung Partizipation schafft Gesundheit – Strategien zur Gesundheitsförderung für lesbische, bisexuelle und queere Frauen* vom Februar 2017 auf, die jeweils auch in die deutsche Gebärdensprache übersetzt wurden. Darüber hinaus wird das Portal auch die Möglichkeit bieten, aktuelle Informationen aus dem Netzwerk* Sexuelle und geschlechtliche Diversität in Gesundheitsforschung und -versorgung abzurufen.

Den Auftrag des Wissensportals sehe ich darin, den Zugang zu sowohl wissenschaftlichen als auch Community-nahen Veröffentlichungen erheblich zu erleichtern. Dies soll vor allem inter- und transdisziplinär arbeitende Wissenschaftler*innen aus Fachgebieten außerhalb der Gender Studies dabei unterstützen, für sie relevante Ressourcen zu identifizieren und Impulse für weitere Forschung und Praxis zu finden. Wir denken dabei insbesondere an Kolleg*innen, die Fragen von geschlechtlicher und sexueller Diversität als Querschnittsthemen in ihre Arbeiten einbeziehen möchten, ohne einen Arbeitsschwerpunkt in diesem Themenbereich zu besitzen.

Eine weitere Zielgruppe sind Studierende und Absolvent*innen bis zum Level der Promotion. Diejenigen, die sich bereits während ihres BA- oder MA-Studiums auf ein LSBTI-Thema spezialisiert haben, ermöglicht das Portal, ihre Arbeit sichtbar zu machen. Solchen, die gerne ein Thema rund um Gesundheit und soziale Teilhabe sowie Geschlechter- und Diversitätsgerechtigkeit bearbeiten möchten, erleichtert es den Wissenszugang.

Gleichzeitig möchten wir durch den Verweis auf Community-nahes und bewegungsgeschichtliches Quellenmaterial die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und LSBTI-Community-Akteur*innen auch nachhaltig stärken.

 

Anmerkung: LSBQTI*= Lesben, Schwule, Bisexuelle, Queers, trans- und intergeschlechtliche Menschen

Kontakt

Prof.'in Dr. Gabriele Dennert
Sozialmedizin und Public Health mit Schwerpunkt Geschlecht und Diversität
Fachhochschule Dortmund
Emil-Figge-Straße 44
44227 Dortmund
gabriele.dennert[at]fh-dortmund.de

Alva Träbert
Fachhochschule Dortmund
Emil-Figge-Straße 44
44227 Dortmund
alva.traebert[at]fh-dortmund.de